medienkompetenz

covid19 Apr. 26, 2020

Die Grünen haben ein „Impulspapier zum Umgang mit Corona bedingten Schul- und Kitaschließungen“ veröffentlicht - und bittet um Eingaben. Wo soll ich bloß anfangen …


Die Situation in der sich die Welt befindet, unterscheidet sich eklatant von den bisher in Film und Fernsehen kolportiertem Bild einer Pandemie. In gewisser Weise auch beruhigend. Aber …

Es ist absolut richtig und notwendig dass die Schulen und Kitas geschlossen sind. Wir müssen die Leben unserer Kinder schützen. Die Berichte über mögliche Spätfolgen (wie eine lebenslange Senkung der Lungenkapazität infolge der Bildung von Narbengewebe zwischen Kapilargefäßen und Alviolen oder anderen Komplikationen wie Schlaganfällen und der gleichen) beschwören auch bei mir die Bilder an Polio und die eiserne Lunge wieder auf, wie sie in den 1920er Jahren notwendig wurden.

Ein ungeimpftes Kind reicht aus, um eine Epidemie auszulösen.

Das sind die Worte des Anwalts Paul Alexander, der die Folgen einer Polio-Infektion (Kinderlähmung) im Alter von 6 Jahren miterleben musste. Er ist einer der drei letzten Polio-Überlebenden in der Eisernen Lunge. Diese Atemmaschine, auch Iron Lung genannt, ist für ihn aufgrund seiner Zwerchfelllähmung überlebensnotwendig. Durch die Erzeugung von Unterdruck wird Paul Alexander seit 64 Jahren maschinell beatmet. Er appelliert an die Impfgegner: "My worst thought is that polio comes back."

Es sieht zwar im Moment so aus, als ob SARS-cov-2 nicht die gleichen physischen Schäden hinterlässt, wie seinerzeit polio, aber damals wie heute, standen wir Menschen unvorbereitet einer Bedrohnung gegenüber, mit der nicht verhandelt werden kann. Doch wir haben aus der Spanischen Grippe gelernt, aus Polio, Ebola, SARS und MERS. Ein bisschen zumindest.

social distancing

Es geht darum, die Ansteckungsgefahr zu minimieren - schließlich gibt es weder Imfpung noch Medizin gegen Covid19. Eine Möglichkeit die Ansteckung zu minimieren ist hierbei: Kontakte reduzieren und Abstand einhalten. Dies ist insbesondere für „Risikogruppen“ wichtig, also Menschen mit Vorerkrankungen und/oder alte Menschen. Und, social distancing wirkt. Schon immer. Das Wort „Quarantäne“ entstand bereits im 12. Jahrhundert und das französische quarantaine de jours („vierzig Tage“) zeigt schon an, dass die potentiell betroffenen für 40 Tage eingeschlossen worden, um das Einschleppen einer Krankheit zu verhindern. Nun klingt „social distancing“ moderner und es kolportiert keine Dauer - was andererseits natürlich auch noch bedrohlicher wirkt.

Schulschließungen & Risikogruppen

Nun sind die Schulen in Deutschland geschlossen, aber auch Kitas, Museen, Geschäfte, Hotels, Bars, Gaststätten, Fitnesstudios, … — und für jedes einzelne Item in dieser langen Liste gibt es tausende Schicksalsschläge für die Betroffenen.

Als Entervertreter sowohl an Grundschule als auch am Gymnasium habe ich nun auch mit den Lehrern zu tun, mit der Schulleitung und mit anderen Eltern. Ich erlebe zuhause wie #homeschooling 2020 aussieht und wie Eltern und Lehrer mit der Situation umgehen. Und ich sehe, wie die Eltern in 2 Lager zerfallen:

  1. easy going
    die situation ist so wie sie ist. Daran ändert auch engagiertes Jammern nichts. Also machen wir das Beste daraus. Und wenn die Kinder von den Aufgaben nichts oder nur ein Bruchteil schaffen. Ok. Dann ist das halt so. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnamen. Und ob nun dritte oder siebte Klasse: die Zeugnisse sind mithin die unwichtigsten in der Schullaufbahn.
  2. back to school
    homeoffice und homeschooling sind unvereinbar. wenn von den 8stunden Arbeitstag allein 3 – 4 Stunden für häusliche Betreuung draufgehen, wird am Ende halt nur noch halb so viel für die Arbeit geleistet wie üblich. Das führt zu Frustration und existentielle Angst, denn nicht jeder Abeitgeber hat verständnis dafür dass Angestellte für das gleiche Gehalt nur die Hälfte leisten. Vor allem nicht, wenn auch bei der Firma der Cash-Flow nicht mehr wie früher läuft. Daher: so schnell wie möglich wieder in die Schule mit den Kindern.

Ich möchte der ersten Gruppe nicht unterstellen zu oberflächlich mit der Gefahr umzughen, aber gerade die zweite Gruppe ist es, die in dieser Gesellschaft den Grundgedanken von social distancing, nämlich den Schutz der Risikogruppen, komplett ignorieren.

⅔ der Lehrer sind über 50 und somit Risikogruppe. Viele ältere Lehrer gehen aus idealistischer Überzeugung „für die Kinder“ auch selbst mit chronischen Erkrankungen jeden Tag in die Schule. Der Onkel meiner Frau war mein Informatik-Leher und ist trotzt - oder eventuell auch wegen - seiner chronischen Krebserkrankung weiter in die Schule gegangen. Sich Krankschreiben lassen kam für ihn gar nicht in Frage. Und diese Menschen, sollen jetzt dem Risiko ausgesetzt werden, mit fast 30 Kindern in einer Klasse zu stehen, in Räumen die sich aus sicherheitsgründen kaum lüften lassen und ohne die Möglichkeit, Stühle und Bänke täglich 8x zu desinfizieren …

Grundschule

Es. Ist. Ein. Trauerspiel. Die Aufgaben für die Schüler sind in ausgedruckter Form im Sekretariat abzuholen. Kommentarlos, denn die Lehrer sind ja nicht da. Und ein Leitfaden für die Eltern gibt es auch nicht. Und jetzt, bei der Verlängerung, gibt es einen neuen Stapel mit Arbeitsblättern. Aber die Blätter aus der ersten Runde? Scheinbar egal. Weder gibt es einen Termin zur Abgabe, noch würde bei einer Abgabe irgendetwas damit passieren, da die Klassenlehrerin krankgeschrieben ist.

Gymnasium

Ich bin wirklich ein bisschen Stolz auf meine Tochter und das Gymnasium, da sie jährlich am Informatik Bieber teilnehmen und meine Tochter gleich in ihrem ersten Jahr auch teilgenommen und einen Anerkennung verdient hat. Und es gibt eine Handy-App, die den Vertretungsplan tagesaktuell darstellt. Aber. Das war es dann auch. Zumal die App auch nur eine Web-View für die „Lernplatform“ ist.

digitalpakt

Mein erster und noch immer härtester Kritikpunkt am Digitalpakt ist in der aktuellen Situation so offensichtlich wie das Fehlen von Seife: Laptops und WiFi-Router erzeugen keine Medienkompetenz. Weder bei den Kindern, noch bei den Lehrer.

Unsere Tochter kann jetzt über's Netzwerk scannen und beidseitig drucken. Sie kann sogar PDF Dokumente drehen. Das können nicht mal die Lehrer, die ihre PDF „falsch herum“ in die Lernplatform stellen. Erinnert ihr euch noch an das Kreuzworträtsel zum Thema „Hirschhornsalz“?

Es stellte sich heraus, die Lehrerin hat ein Web-Tool zum Erstellen von solchen Kreuzworträtseln verwendet und Leerzeichen in den Begriffen führte dazu, dass es mehr Kästchen als Buchstaben gab. Wenn es doch bloß eine möglichkeit gäbe, so etwas online abzubilden. Apropos:

lernen.barnim.de

Die Bildungsinitiative Barnim stellt mit lernen.barnin.de eine „Lernplattform“ bereit. Dieses Angebot ist eine Zumutung. Es fängt schon beim Login an. Das halt nicht zuverlässig funktioniert. Software für Kinder muss zuverlässig sein, und nicht unter Safari auf dem Mac ein anderes Login verlangen als mit dem Chrome. Und dann. Ist es eine art Drop-Box. Mit 5GB Speicher. Für die ganze Schule. Und wie funktioniert es: Lehrer schreiben (auch handschriftlich) Aufgaben auf ein Blatt, scannen das (gelegentlich auch über kopf) ein und laden das PDF (in zweifelhafter Qualität) hoch, wo es nach Namen (nicht nach Datum) sortiert in einem Ordner liegt. Die Kinder laden die PDF runter, drucken das aus, füllen es aus, scannen es erneut ein und senden die ergebnisse per eMail an die Lehrer, weil die Platform nicht genug platz hat, dass man die daten hochladen könnte.

WebWeaver Curslets-UI

Und direkt online-Aufgaben? Nein. Gibt es nicht. Warum auch. Also. Es gibt „Courselets“, ein System für Online-Aufgaben und Tests. In WebWeaver 2010 integriert. Aber. Und hier kommt der eigentliche Knackpunkt: weder die Software ist heute (11 Jahre später) intuitiv und modern genug um von Lehrern ohne aufwändige Schulungen genutzt werden zu können, noch sind die Lehrer im Moment in der Lage, ihre Lernihnhalte adäquat anzupassen.

Und auch die Schüler stehen allein da. Das Forum? Verwaist. Kein Kind kennt heute noch Foren. Es gibt einzelne Kinder, die untereinander in Kontakt stehen. Per SMS, Signal, WhatsApp, Telegram, FaceBook-Messenger, iMessage, Threema, kik, …

Ein Austausch untereinander findet nicht statt und die „Mitteilungen“ sind unidirektionale Kommunikationen, eine Timeline von „Lehrer sagten …“.

PRIVAT

Ein kzrzer überblick über den  „privaten“ Bereich in der Lernplattform:

  • Das Adressbuch ist leer, es enthält nicht die Klassenkameraden oder Lehrer.
  • Der Messenger ist leer, wie auch - ohne Kontakte.
  • Die persönliche Dateiablage: 100MB um Hausaufgaben (zum Beispiel Vorträge) mit in die Schule nehmen zu können um die „Ich habe den USB-Stick“-Ausrede obsolet zu machen.
  • Der Kalender ist leer. Nicht ein Termin der Schule ist dort. Wozu auch, die Webseite der Schule zeigt ja termine an. Ist ja auch nur die gleiche Software …
  • Aufgaben: leer. Lehrer stellen keine Aufgaben. Sie laden PDF oder Handy-Fotos als Aufgaben in die Dateiablage für die klasse „zuhause“.
  • Lesezeichen für „Seiten in der Seite“. Unnütz und Leer…
  • Der Stundenplan muss von den Kindern gepflegt werden. Dort gibt es eine Funktion, eine Tabelle anzuleen und Unterrichte einzutragen.
  • Notzen sind auch ein Workflow aus der 1990er PHP-Hölle. Neue Notiz öffnent ein PopOver, in dass der Schüler eine Überschrift eintragen, einen Text eingeben und eine Farbe definieren kann. Das ist es. Gibt es einen Mehrwert? Nein. Denn die Notizen können nirgendwo verwendet werden …
  • Systemnachrichten sind ein Event-Log. Wann hat welcher Lehrer welche Datei hochgeladen. Beinahe nützlich. Wenn man denn markieren könnte, welche Datei schon herunter geladen worden ist …
  • In den Einstellungen können die schüler ihre privaten E-Mail-Adressen eintragen, die App auf dem Handy „sperren“ wenn das Handy verloren gegangen ist und hier kann das Passwort geädnert werden. Zwei-Faktor-Autentifikation? Fehlanzeige.
  • Die Lernerfolgskontrolle ist mangels online Aufgaben natürlich inhaltsleer und nutzlos.
  • Un im Profil? Man kann ein Avatar-Bild hochladen. Yay.

SCHULE

Hier gibt es 2 Klassen. Die reguläre Klasse und die Klasse „zu Hause“. Die allgemeine Dateiablage zeigt nichts aus den Klassen und in den Klassen widerholen sich die Strukturen, ohne eine klare Bereichsnavigation.

Der größte Kritikpunkt, seitens Eltern und Schüler, ist: die Dateiablage. Die Lehrer haben sich darauf verständigt, je Fach ein Ornder anzulegen. Das war es. Jeder Lehrer handhabt es dann anders. In Deutsch sollen die Kinder ein Buch lesen und Fragen beantworden. Insgesamt 4 Dokumente. In Mathematik gibt es je Schulwoche einen Ordner. Darin dann je Wochenstunde einen weiteren Ordner. Darin in der Regel 2 PDF (1. Aufgaben und Hinweise; 2. Lösungen). Und manchmal steht auf dem PDF, dass die Lösung bis zum Datum per eMail an den Lehrer geschickt werden soll.

Ein Vergleich, ein Ansporn untereinander gibt es nicht.

Elternversammlungen

Ich habe inzwischen sowohl in der Grundschule als auch im Gymnasium zu Elternversammlungen per Video-Konferenz eingeladen. Das Ergebnis ist ernüchtern. Im Gymnasium hat sogar die Klassenlehrerin teilgenommen, wir waren 8 Teilnehmer von 28 Eingeladenen. In der Grundschule waren neben mir noch 5 weitere Eltern anwesend. Die Schule hatte nicht einmal auf die Einladung reagiert.

Wie soll das bloß weiter gehen?

ich weiß es doch auch nicht

Diese Krise hätte eine große Chance sein können, für eine der führenden Industrienationen. Aber. Es ist ein großes Scheitern. Die Salamitaktik des Ministeriums tut hierzu ihr übriges.

Der Aufwand mit „Schulen öffnen“ und „Lehrer auf kleinere Gruppen aufteilen“ ist unbestitten ein großes Projekt. Aber. Hätten nicht 2 wochen intensive Schulung in einer zeitgäßen Software das ganze Projekt #homeschooling nicht deutlich mehr vorran bringen können? Meine Frau studiert im dualen Studium. Es gibt Live-Lesungen, Facharbeiten, Lerngruppen und eine zentrale Platform, die nicht schon   15 Jahre spaghetticode-flickschusterei auf dem Buckel hat.

Jede Woche wenigstens eine verpflichtende Klassen-Online-Versammlung. Einmal im Monat einen Austausch zwischen allen Eltern im Video-Chat. Keine PDF-Sammlung zum Ausdrucken, sondern online-kurse. Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben.

Wir stehen erst am Anfang, und die zweite Welle durch Laden- und Schulöffnung wird und noch um einiges härter treffen. Lass doch mal ¼ der Lehrer krank werden - dann wird mindestens die Hälfte der nicht erkrankten Lehrer streiken.

Statt „normalität in der Krise vorzutäuschen“ hätten wir einen neuen Standard definieren können. Einen, der 2020 angemessen ist. Aber medienkompetenz hat halt keine Lobby …

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