„Der Unsinn der da jetzt immer verbreitet wird, dass jetzt das Internet nicht mehr das Selbe ist, das ist alles nicht der Fall.“

Das zumindest sagte Axel Voss in einer Pressekonferenz zum Trilog der EU Urheberrechtsreform. Abgesehen davon, dass dies eine, für einen EU-Abgeordenten, besonders unqualifizierte Aussage ist, argumentiert dieser CDU Politiker auch am Problem vorbei.

So argumentiert er ab ca, 8:00 in der Aufzeichnung, mit dem Willen der Presse-Verleger. „Die jenigen, die Interesse haben, einen Artikel zu lesen, nicht auf der Platform hängen bleiben, sondern eben auch auf der Seite der Verlage …“. Wenn ich bei twitter einen Teaser für ein Text bei z.b. sueddeutsche.de sehe, und mich das Thema anspricht, dann lese ich diesen Artikel bei sueddeutsche.de – die im übrigen Uploadfilter auch für eine Schnapsidee halten …

Aber aus gegebenem Anlass mal folgendes lebhaftes Beispiel: seit 2007 betreue ich einen Kunden der eine kleine, aber nicht profitable platform, betreibt. Seine Geschäftsidee ist auf kreative Musiker angelegt. Im Detail geht es nicht um „ganze Musikstücke“ sondern um Loops. Sein Vater war zeitlebens ein sehr produktiver Musiker, so dass er selbst über eine umfangreiche Sammlung sehr hochwertiger Sound-Schnipsel besaß. Eine Reihe weiterer Künstler haben nun ihrerseits eigene Loops beigesteuert. Eine große Bibliothek von Soundschnipseln ist entstanden. Bisher war mein Auftraggeber „auf der sicheren Seite“. Der 2o Jahre lang währende Streit Kraftwerk ./. Pelham war für die Platform keine Gefahr, denn im Zweifelsfall wäre der User, der einen (beispielsweise) Kraftwerk-Sample hochlädt gemäß AGB für diesen Urheberrechtsverstoß haftbar. Einen Umstand den die EU Urheberrechtsreform abschafft. Technisch wiederum war das schnelle Löschen bei copyright-claim natürlich unproblematisch. Was Herr Voss nun aber argumentiert, ist, dass die Plattform für Urheberrechtsverletzungen haftbar wird. Um sich davor zu schützen, gibt es nach Meinung von Rechts- und Technologieexperten nur 3 möglichkeiten:

  1. jeden upload mit einem #uploadfilter automatisiert zu prüfen
  2. mögliche inhalte vorab #lizensieren
  3. keine uploads mehr ermöglichen

Mein Kunde hat nun seine Platform eingestellt. Sich also für Möglichkeit nummer 3 entschieden. Warum?

Weil es im kreativen Umfeld unmöglich ist vorrauszusehen, welche inhalte hochgeladen werden, ist es auch nicht möglich eine Lizenz im Vorfeld zu erwerben. Wie sollte es auch möglich sein eine Lizenz zu erwerben für einen eine Sekunde langen Sound-Loop, eines Gitarren-Accords zum Beispiel‽

#uploadfilter, auch wenn der MdEP das Wort nicht so gern hört, sind also die einzige Möglichkeit, den Forderungen aus Artikel11 & 13 gerecht zu werden. Dabei würde nun, sagen wir einmal Kraftwerk, alle ihre Werke in eine „Datenbank“ wie Content ID hochladen. Ein, von einem kreativen User nun in die Platform hogeladener loop muss dann von der Platform ebenfalls gegen Content ID gecheckt werden. Wenn der Algorytmus von Content ID nun erkennt, dass diese eine Sekunde ebenfalls in einem bereits Urheberrechtlich (weil bei Content ID bekanntem) Werk vorkommt, dann würde der Upload verhindert - und false positives bei Content ID sind sogar Gegenstand wissenschaftlicher publikationen

Es ist unbenommen, dass Urheberrechtsverletzungen ein Problem sind.

Aber jede Platform, die beabsichtigt ein gewinnorientiertes Geschäftsmodell zu betreiben, das auf user generated content beruht, währe mit dieser Verordnung gezwungen #uploadfilter einzusetzen. Dabei gibt es dann aber kritische Probleme zu beachten:

  • „kleine“ Projekte können keine eigene Datenbank aufbauen, daher werden sich nur wenige - vielliecht sogar nur eine - Datenabank am Markt durchsetzen. Diese wird kein „newcomer“ sein, sondern ein schon jetzt etabliertes system eines quasi monopolisten wie google mit Content ID oder Facebook mit Rights Manager; also genau jene Platformen, welche die EU versucht den Wind aus den Segeln zu nehmen …
  • … denn mit den Augen des Datenschützers betrachtet, tritt die EU sich hier selbst mit Anlauf den Arsch. Zukünftig sind also alle Platformen verpflichtet, die großen KI-Ingeneur über alle Uploads zu informieren. Eine gesetzliche Verodnete Freihaus-Lieferung von Metadaten.
  • die Kosten, externe Dienste anzubinden, selbst wenn diese ihre Dienste unentgeltlich zur Verfügung stellen, muss die platform tragen. Dies dürfte sich nicht nur kurz- und mittelfristig, sondern vor allem langfristig im IT-Standort Europa innovationshemmend auswirken.

Und selbst wenn jetzt mit den Sorgen der Urheber argumentiert werden; mit den Künstlern, Autoren, den Verlagen und allen Kreativen. Als nächstes kommt der Kampf gegen Terror und Propaganda - und wenn man schon mal einen großen Filter hat, was hält uns denn davon ab, auch „unliebsame politische Meinungen“ zu zensieren, wie es in china mit Winnie-the-Pooh passiert‽ Was, wenn die rechten Parteien wie auch in Deutschland zum Beispiel CDU/CSU, unliebsame Inhalte „filtern“ lassen? Wird sich dann die Frage „was darf Satiere?“ bald nicht mehr stellen, weil schon allein die Verwendung von „Erdogan“ und „Ziege“ im gleichen Text zensiert wird - oder verschwinden texte, in denen die AfD rechtsextremistisch genannt wird, nicht weil es verboten währe, sondern weil es Bernd Höcke nicht gefällt, …

Ich bin in vorrauseilendem Gehorsam Opfer der „EU-Copyright-Reform“ geworden. Und wenn das Parlament das abschließend durchwinkt, dann wird in Europa noch mehr zu Bruch gehen. Damit meine ich nicht nur den Datenschutz sondern auch Innovation und Wirtschaftskraft.

Und jeder Lobby-Vertreter, der sich wie Axel Voss mit vor Glück in die Luft geworfenen Armen darüber freut, dass wir eine Reform bekommen, der soll sich an Boris Johnson erinnern, und sein Engagment für den Brexit …  


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