Für die 44. Bundesdelegiertenkonferenz Bielefeld gibt es im Portal „Antragsgrün“ einen Antrg, der einem die Schuhe auszieht:

V-04: Förderung der integrativen Medizin: Für therapeutische Vielfalt in der Gesundheitsversorgung und für Methodenpluralismus in der medizinischen Forschung

• Damit integrative Medizin in der gesamten Bandbreite auch gut evaluiert werden kann, brauchen wir mehr öffentliche und unabhängige Forschung in diesem Bereich. Bisher lagen die öffentlichen Fördermittel zur Forschung in diesem Bereich bei lediglich 1% der Gesamtsumme deren in der gesamten Medizin. Wir beantragen diese Forschungsgelder deutlich auf mindestens 5% zu erhöhen.
• Ferner brauchen wir eine Infrastruktur, die eine solche Forschung zulässt. Aus diesem Grunde fordern wir die Schaffung von weiteren integrativmedizinischen Lehrstühlen.
• Zudem beantragen wir, die Satzungsleistungen der Krankenkassen in ihrem Status quo zu belassen.

Ich habe mich selbstverständlich dagegen ausgesprochen, denn was hier gefordert wird, ist gefährlicher Unsinn. Der Binnenkonsens stellte Esoterik mit der Wissenschaft, der Pharmakologie auf eine Ebene. Im Zuge des Widerspruchs hat sich ein Heilpraktiker aus Bad Abbach in besonder Weise hervorgetan, die Homöopatie zu verteidigen. Unter anderem mit Aussagen wie:

Binnenkonsens: Wenn ihr hilfreiche Therapien den Schwerkranken wegnehmen wollt, nur zu. Die Quittung gibts danach:
"Ein Binnenkonsens besteht ebenfalls hinsichtlich der Erstattung nicht  verschreibungspflichtiger Arzneimittel der Anthroposophie (z.B.  Misteltherapie bei Krebs, gute Studienlage!) und Homöopathie. Der Arzt  kann sie bei schwerwiegenden Erkrankungen zu Lasten der gesetzlichen  Krankenversicherung verordnen, „sofern die Anwendung dieser Arzneimittel  für diese Indikationsgebiete nach dem Erkenntnisstand als  Therapiestandard in der jeweiligen Therapierichtung angezeigt ist“.

Ich habe mich kurz an Nathalie Grams gewendet und eine klare Bestätigung meiner Vermutung eingeholt:

Doch der Heilpraktiker gibt keine Ruhe. Meine Homöopatie-kritischen Tweets werden „angezeigt“ (und von Twitter als „unbednklich“ wieder freigegeben). Daher ein kleines Essay von mir darüber, warum diese Einreichung so gefährlich ist.


Ich bin der Meinung, für alle Medikamente muss der gleiche Standard gelten und daher gehört der „Binnenkonsens“ und die Sonderbehandlung der Homöopathie wieder abgeschafft.

Die in diesem Antrag formulierte Forderung nach „beibehaltung des Status Quo“ ist nicht haltbar und das ist es, was ich im Kern kritisiere. Dieser Antrag ist nicht zeitgemäß und muss mit rationalem Verstand gegenteilig entschieden werden. Ja. es wurden in der Menscheheitsgeschcihte rational auch negative Entscheidungen getroffen. Die Entscheidung damals, Esoterik in den Leistungskatalog aufzunehmen, war ebensoeine …

Ich verstehe nach wie vor, dass Heilpraktiker die Relevanz ihres „Fachwissen“ unbedingt bewahren wollen. Aber. Wir diskutieren hier nicht über „DSA oder D&D“. Ich möchte mich auf das Gesundheitssystem verlassen können. Ich möchte, wenn ich „alt“ bin, darauf vertrauen, dass mein Arzt mir „Medikamente“ verschreibt, und kein esoterisches Schlangenöl an dessen Wirkung im zweifelsfall nicht einmal der Arzt vollumfänglich „glaubt“.

Dieser Antrag will einen Zustand erhalten, und darüber hinaus Steuergelder verschleudern, für eine wissenschaftlich geklärte Sachlage: Homöopatie wirkt nicht über Placeboeffekt hinaus.

Nicht „vielleicht“ und auch nicht „auf Quantenebene“.
Kein Wirkstoff == Keine Wirkung.
Und „Heilmittel“ ohne Wirkung haben schlicht und ergreifen keine Daseinsberechtigung in der Gebührenordnung des Gesundheitssystems. Egal ob man damit 2, 20 oder 200 Millionen Euro im Jahr Umsatz macht. Die Antroposophen können das gern weiter glauben, können weiter Zuckerkügelchen kaufen und ihre Energiefelder mit Steinen sortieren. Aber weder die staatlich finanzierte Forschung noch die Krankenkassen sollen für diesen Aberglauben Steuergelder verschwenden.

Daran ändert weder die persönliche Betroffenheit als „Heilpraktiker“ etwas, noch Beleidigungen oder Polemik. Wenn etwas als Medikament durch das Gesundheitssystem bezahlt werden soll, muss es sich den gleichen Standards unterwerfen. Und der erste wissenschaftliche Standard ist: ein eindeutig reproduzierbarer Wirknachweis.

Wenn die anthroposopischen Mittel, wenn Homöopatie oder Bachblüten diesen klinischen Wirknachweis erbringen können, wie jedes andere Medikament auch: dann können die auch weiter Krankenkassenleistung bleiben.

Wenn also die Überzeugung der Homöopaten richtig ist, und der esoterische Zauber den Zuckerkugeln das Gedächtnis des Wassers überträgt und die Zuckerkugeln in den von den Homöopaten abschätzig betrachteten wissenschaftlichen Standards (randominisert, doppelblind, …) das Wirkversprechen einhalten, sind es „echte Medikamente“. Halten Sie es nicht, sind es Nahrungsergänzungsmittel zum „sich wohl fühlen“, und dann gehört das nicht über die Krankenkasse abgerechet.

Das ist der Punkt.

Nicht „ich kenne diese Quelle“ und „diese Illustrierte hat 2009 mal das geschrieben“. Kein „Aber in Amerika“ oder „dieser Fall aus Italien“.

Kern meines Wiederspruchs gegen diesen Antrag ist: die Sonderbehandlung von Esoterik hat im Gesetzt nichts zu suchen! Der „Status Quo“ ist überholt und gehört ganz bewusst abgeschafft. Davon, auch noch Steuergelder in „Grenzwissenschaften“ zu investieren ist grundsätzlich abzusehen.

Weder ich noch sonst jemand in der Wissenschaftscommunity spricht irgend jemanden das Recht ab, eine ein eigenes Weltbild zu haben. Und Sinnsprüche wie „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als eure Schulweisheit euch glauben machen möchte.“ ergänzen das all zu menschliche »nihil in intelectu quod non ante in sensu« - „nichts ist im Geiste, das nicht vorher in der sinnlichen Warnehmung war“. Wir „Be-Greifen“ unsere Umwelt, durch das, was wir erfahren. Und wir haben ggf. zuweilen Erfahrungen, die sich auf den ersten Blick erklären lassen.

Auch ich als Atheist haben Dinge, an die ich glaube, die mir Mut machen. Gerade in diesen Tagen. Morgen jährt sich die Todgeburt unses Sohns zum 10ten Mal. Dabei erinnere ich mich an ihn. Als werdende Eltern hat man „Ideen“, „Vorstellungen“ und „Träume“ davon, wie das Leben im Weiteren sein wird. Ich habe Erinnerungen an mein Kind, das aber nie hier im Haus herrumgekrabbelt ist. Und Irgendwie ist Aurel „da“. Das ist nicht messbar, aber es berührt unser Leben. Und dennoch verwahre ich mich davor, nichtreproduzierbare Esoterik oder nicht wissenschaftlich überprüfbare Theorien auf eine Ebene mit Wissenschaft zu stellen, wie es dieser Antrag fordert.

Doch dieser Antrag, möchte nun aber einen historischen Fehler fortschreiben und weiter fördern, nämlich, dass eine „Wirktheorie“ mit einer reproduzierbaren Wissenschaft gleichgesetzt wird. Das ist ein Fehler, den es zu korrigieren gilt.

Robert Koch, Lui Pasteur, Werner Forsman, – sie alle haben Dinge gemacht, die vorher nicht denkbar waren. Aber. Alles was sie gemacht haben, war und ist jederzeit reproduzierbar und wurde - so experimentell und „absurd“ ihre Ideen am Anfang erschienen, aufgrund der reproduzierbarkeit in den katalog der wissenschaftlichen Methoden aufgenommen. Aber auch nicht-stoffliche „Vorgänge“ haben die wissenschaftliche Reproduzierbarkeit und akzeptanz erlangt. Florence Nightingale zum Beispiel hat erkannt, dass die Menschen eher genesen, wenn man sich um sie kümmert. Wenn man nicht alle Leidenden in einen großen Saal packt, und gelegentlich eine Leiche wieder raus schafft, sondern wenn sie „für sich“ sind, und individuell Aufmerksamkeit bekommen. Das hat die Pflege, das Gesundheitssystem revolutioniert. Die „menschliche Nähe“ ist nicht Qualifizierbar, aber die Auswirkungen sind so zweifelsfrei reproduzierbar, und die messbaren Zahlen so eindeutig, dass aus dieser menschlichen Geste ein weltweit fester Bestandteil des Gesundheitssystems geworden ist. Nach wie vor ist das der Knackpunkt: die Reproduzierbarkeit. Reproduzierbar und daher weltweit anerkannt ist der Placebo Effekt. Sogar noch stärker wirkt der Nocebo Effekt - ebenfalls wissenschaftlich untersucht und unter gleichen bedingungen weltweit reproduzierbar. Nun haben Homöopatie und andere ähnlich gelagerte Künste haben nachweislich keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinaus geht. Es ist nur „mehr show“. Und das ist auch OK. Wer davon Überzeugt ist, soll das auch weiter machen. Auch „Heilpraktiker“ und Schamanen sollen weiterhin ihre Geschäfte machen. Ich kenne eine sehr liebenswerte „Hexe“, die ganz zauberhafte keltische Trauungen organisiert. Aber auch der Glaube an Steine, Sternzeichen oder Wasser gehören einfach nicht in das gleiche Gesetz, wie die Medizin.

Dieser Antrag will aber an der Gleichsetzung von Esoterik mit Medizin festhalten. Das ist es, was ich im Kern angreife, denn es ist ein falsches Zeichen an uns Grüne, an die Gesellschaft und an die junge Generation, denen wir im Kampf gegen den Klimawandel den Rücken stärken müssen!

Die Agnostiker sagen „ich weiß es nicht“. Und das ist ihr gutes Recht. Es kann sein, dass „irgendeine kraft“ gibt. Es ist nach jetzigem wissenschaftlichen Verständnis nicht warscheinlich, und in 230 Jahren hat es keine reproduzierbaren Beweise dafür gegeben.

Die Wissenschaft hat sich im 17. Jahrhundert von einer Idee inspirieren lassen, die des Äther - einer hypothetische Substanz als der Träger aller physikalischen Vorgänge. Dieser Konsens, dass es einen Äther gibt, hat zu einer gewissen Stagnation in der Wissenschaft geführt, bis nach und nach von „Ketzern“, diese Theroie immer weiter wiederlegt wurde, bis sie letztlich als irrweg gänzlich verworfen wurde. Vielleicht ist die Homöopatie am gleichen Punkt, und vielleicht sind Scharlatane daher so Agressiv wie die Verfechter damals, denn wenn ihr Weltbild falsch ist, ist auch ihr Lebensinhalt bedroht. Heute gibt es niemanden mehr, der an den Äther glaubt. Vielleicht werden wir in 50 Jahren genauso auf die Homöopatie blicken, wie wir heute auf die Äther-Therie blicken.

Der Glaube an ein Gedächtnis des Wassers, an kosmische Kraftfelder und dass „schüllteln“ richtig ist, aber nicht „rühren“, kann nach wie vor für den „gläubigen“ heilend sein. Handauflegen, Raiki, Feng-Schuhi - kann jeder nach dem Motto „wer heilt hat recht“ für sich in anspruch nehmen. Aber ein Gesetz, dass die Anwendung von wissenschaftlichen Prinzipien (in diesem Fall der Pharmakologie) regelt, muss frei von Ausnahmen sein. Der Binnenkonsen wiederspricht allen wissenschaftlichen Grundsätzen und muss daher endlich gestrichen werden. Dieser Antrag versucht das zu verhindern - und das ist der Fehler. Nicht die Gefühle. Nicht die Hoffnung, dass da Mehr ist. Der Fehler ist, dass es eine Ausnahme in einem Gesetz der Wissenschaft gibt, durch die Esoterik auf die gleiche Ebene gestellt wird …


Daher noch einmal mein Plädoyer, liebe Grünen, werft das Festhalten an der Homöopatie über Board. Schließt euch einer modernen Auslegung an. Danke.

V-01: Echter Patient*innenschutz: Bevorteilung der Homöopathie beenden! (44. Bundesdelegiertenkonferenz Bielefeld, Antragsgrün)
Antragsgrün ist ein Antrags-Verwaltungs-System, das speziell für Parteitage, Verbandstagungen sowie Programmdiskussionen entwickelt wurde.